Zuhörer und -schauer bei der FeststundeAm Sonntag, den 9. Juli 2017 war es endlich soweit: der Vorhang öffnete sich für die neue Vereinigung junger Menschen mit Hör-Handicap in Nord-Bayern! Bei strahlendem Sonnenschein trafen wir uns am Mittag im Vortragssaal des bayerischen Bäckerei- und Brauerei-Museums in Kulmbach zu einer großen, feierlichen Feststunde.
25 Jahre HörEltern
Rückblick von Oli Lottes auf 25 Jahre HörElternDie erste halbe Stunde war einem spannenden Rückblick auf die letzten 25 Jahre gewidmet: von der Gründung des HörEltern e.V. im Jahr 1992 bis heute. Hierfür hatte Oliver Lottes einen spannenden Vortrag vorbereitet, der die Zuhörer und Leser (es gab einen Schrift Dolmetscher) mitnahm auf eine spannende Reise durch das letzte Vierteljahrhundert. Er berichtete von den Anfängen in den frühen 90er-Jahren, in denen Inklusion noch völlig unbekannt und Integration eher ein Fremdwort als Normalität war. Mit der Idee der Hilfe zur Selbsthilfe, die unsere Familien in der Elternvereinigung zur Förderung hörgeschädigter Kinder in Oberfranken zusammenführte, konnten unsere Eltern vieles für ihre Kinder (uns!) erreichen, was damals nicht selbstverständlich war. Auch gegen teils initial starke Widerstände ermöglichten sie uns so die Integration und vielen den Besuch einer Regelschule. Dies ging – wenn das notwendig war – durchaus bis hin zu erfolgreich eingebrachten Petitionen an den bayerischen Landtag. Im Laufe der Jahre entstanden auch viele Freundschaften zwischen den Eltern, aber auch zwischen den Kindern und jungen Hörgeschädigten. Später entwickelte sich daraus die Jugendgruppe von HörEltern, die HörJugend. Nach vielen spannenden, informativen und fordernden wie fördernden Veranstaltungen sowie Initiativen verabschiedet sich nun der HörEltern e.V. und wünscht seinem Nachfolger HörEnswert alles Gute – verbunden mit der Hoffnung, dass die (Hör-) Eltern auch dort inkludiert werden. 😉
HörEnswert: empfangendes Herz und sendendes Ohr
Heike Arndt bei der Vorstellung des Logos von HörEnswertIm Anschluss an diesen wunderbaren Auftakt von Oli – bei dem einem oder anderem Zuhörer floss so manche emotionale Träne – öffnete sich langsam der Vorhang für HörEnswert: Heike Arndt, Medien- und Grafikdesignerin aus Selb, stellte den neuen Werbeauftritt und vor allem unser neues Logo vor. Eindrucksvoll schilderte sie, wie sie im Rahmen dreier gemeinsamer Arbeitssitzungen in Bayreuth, Selb und Hof in unsere hörEnswerte Welt eintauchte.Aus den beiden Grundpfeilern von HörEnswert entstand schließlich unser Logo, bestehend aus einem empfangenden Herz und einem sendenen Ohr. Ersteres steht für unsere Gemeinschaft: dafür, dass wir uns als junge Menschen mit Hör-Handicap selbst Wert geben, die Vielfalt leben, Buntheit vertreten sowie Selbstbewusstsein und Identitätsfindung fördern. Das Ohr hingegen betont, dass wir uns auch Gehör verschaffen wollen: es geht darum, Netzwerkarbeit zu betreiben, Informationen zu geben und holen, aber auch Hemmschwellen – z.B. in Schulen oder bei Arbeitgebern – abzubauen. An dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön für die wunderbare Zusammenarbeit an Heike Arndt!
Wir können auch Theater!
Was dann folgte, war echtes Theater: der Vorstand hatte ein 25-minütiges Bühnenspiel vorbereitet, welches die Entstehungsgeschichte von HörEnswert kurz skizziert. Begonnen hatte alles auf einer Jugendleitertagung der Bundesjugend im September 2016 in Wiesbaden, auf der aktuelle Probleme in der Jugendarbeit diskutiert wurden. Im Oktober konzipierten Kilian, Natalie, Tina, Johannes und Carsten das Grundgerüst des neuen Vereins auf einer Vorstandssitzung in Kulmbach – dabei schraubten Kilian und Carsten noch bis tief in der Nacht an unserer neuen Satzung – und bereits Ende November konnten die Mitglieder des HörEltern e.V. auf der Jahreshauptversammlung darüber einstimmig abstimmen. 🙂 Unser Vorstand Hand in Hand: „Anders ist normal und Anders sein vereint!“Gegen Ende stellten wir in einem kurzen Abriss unsere geplanten Veranstaltungen für die nächste Zeit vor. Im August findet eine Austauschfreizeit für junge Leute mit Hör-Handicap in Straßburg statt und bereits im September treffen wir uns wieder zu einem Workshop -Wochenende für die ganze Familie im Frankenwald. Zwei Monate später, im November, veranstalten wir zusammen mit der Universität Bayreuth einen Praxisworkshop rund um das Thema „Steuern“ mit (Hör-) Handicap. Für das Frühjahr 2018 befindet sich darüber hinaus ein Austausch-, Kennenlern- und Workshop- Wochenende für junge Menschen in Planung, die nicht nur ein Hör-Handicap sondern auch eine „andere“ Sexualität (lesbisch, schwul, bi, trans) haben. Den Arbeitstitel „Workshop für alle“ hat eine weitere Wochenendveranstaltung, die für Herbst 2018 geplant ist. Hier steht das Workshopthema allerdings noch nicht fest.
„Anders ist normal und Anders sein vereint“
Zum Ende des Theaterstücks stand der Vorstand Hand in Hand auf der Bühne und skandierte gemeinsam die Worte „Anders ist normal und Anders sein vereint“, dem Motto des Inklusions-Songs für Deutschland. Dieser Song, der von der Initiative „Grenzen sind relativ“ und dem an Taubheit grenzend hörgeschädigten Gitarristen Mischa Gohlke kreiert wurde, steht wie kein anderer für das, wofür wir uns einsetzen: ein selbstverständliches, gelebtes, inklusives Miteinander, das die Menschen zusammenbringt, egal, welchen Hintergrund sie haben. Wir haben ihn direkt nach dem Theaterstück gezeigt – wer nicht da war, oder ihn noch einmal sehen möchte, hier ist er:
Gemeinsamer Austauschnachmittag
Im Anschluss an diese Feststunde trafen wir uns alle im Biergarten der Mönchshof-Brauerei zu einer gemeinsamen Brotzeit und zum Austausch über Vergangenheit (HörEltern) und Gegenwart (HörEnswert). Zudem hatte jeder Teilnehmer die Gelegenheit, auf einer großen Stellwand seine Wünsche zu mögliche Themen für den „Workshop für alle“ im Herbst 2018 aufzuschreiben. Jetzt sind wir gespannt auf die Dinge, die uns mit unserem neuen Verein – HörEnswert – erwarten!
Carsten ist im Vorstand für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit aktiv, hat zwei grüne Cochlea Implantate und auf der Straße immer ein freundliches Lächeln für die Menschen übrig. Er setzt sich ein für gelebte Inklusion in einer modernen Gesellschaft, in der Grenzen verschwinden.